Kontakt  l  Impressum  l  E-Mail

 
Katholische Studierende Jugend Diözese Trier

2008  l  2007

„Terrible Beauty“

wird sie von der Biographin Diana Normann genannt. Sie gehört zu den rund 80 Frauen, die beim Osteraufstand 1916 in Dublin verhaftet werden wegen Vorbereitung und Beteiligung an der Revolte, aber sie ist unter ihnen die einzige, die zum Tode verurteilt wird. Die Rede ist von Constance Markiewicz, geboren als Tochter von Sir Henry und Lady Georgina Gore-Booth, den Eigentümern des Landsitzes von Lissadell House. Sie hat eine Schwester, Eve, die sich zu einer bekannten politischen Dichterin Irlands entwickeln wird – aber Constance (von ihren Freunden wie William B. Yeats immer „Con“ genannt, was auch ihrem ungestümen und spontanen Wesen entspricht) hat viele Interessen: Sie malt hervorragend, sie kann mit der Sprache umgehen, sie reitet wie wild und gewinnt sogar Rennen. Politisch interessiert und engagiert sind beide Schwestern und stellen sich im Lauf ihres Lebens auf die Seite der Ausgebeuteten; anders als ihr Bruder Josselyn, der ihnen dafür immer wieder Vorwürfe machen wird. Ihnen entgeht nicht, dass ihr Vater als Großgrundbesitzer und Pächter von den verarmenden Pachtbauern unter Druck gesetzt wird: Die Pachtsätze sind so hoch, dass die meisten sich Brot nicht als Grundnahrungsmittel leisten können. Als im Winter 1879 in Folge einer weiteren Kartoffelseuche eine Hungersnot droht, gibt es endlich Massenproteste, 8000 gehen allein in Sligo auf die Straße – da ist Con 11 Jahre alt. Obwohl man ihren Hang zur Zeichen- und Malkunst eher für eine vorübergehende Erscheinung hält, wird sie auf eine Kunstschule nach London geschickt. Hier lernt sie ihren späteren Mann Casimir Dunn-Markiewicz kennen, einen polnischen Maler, der ähnlich wie sie aus dem Landadel stammt (sie werden eine gemeinsame Tochter haben, aber die Ehe wird nicht glücklich enden).

Von beiden Yeats-Brüdern, die oft in Lissadell House zu Gast sind, wird ihr politisches Interesse geweckt. Zuerst gründet sie gemeinsam mit Schwester Eve einen Verein zur Durchsetzung des Wahlrechts für irische Frauen, das ist 1896  (parallel zur Suffragettenbewegung in fast ganz Europa); ihr Wahlspruch: „Wer sich befreien will, muss etwas unternehmen – keine Besteuerung ohne Vertretung im Parlament – Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit!“.

Schon bald werden ihre Bilder in Dublin ausgestellt (zu sehen sind einige von ihnen heute im oberen Seitenflügel von Lissadell House); sie verbindet sich mit den Initiatoren des  Abbey-Theaters in Dublin, das von Yeats und anderen Künstlern genutzt wird, Propaganda im Sinne eines von England unabhängigen Irland zu betreiben. Die Einflüsse von Schauspielerinnen und Schriftstellern, die sich in den Dienst der Unabhängigkeit stellen und der Kontakt zu Adam Griffith, dem Gründer der Sinn Fein Partei, wirken sich nach und nach auf Constance aus. Aufrufe wie: „Lasst uns dafür sorgen, das England seine rechte Hand von Irlands Kehle und seine Linke aus Irlands Taschen nimmt!“ fallen nicht nur bei ihr auf fruchtbaren Boden.

Ihre Idee ist es, eine Jugendgruppe der Sinn Fein zu gründen – das sind zunächst nur Jungs, doch später wird sie nach langen Streitereien auch eine Mädchengruppe durchsetzen (sie wird diese Organisation „Fianna“ nennen. Lustig zu lesen, wie sie das erste Zeltlager dieser Gruppe bei Dublin beschreibt: im Regen!). Da hat ihre Schwester längst die erste Gewerkschaft für Textilarbeiterinnen in Manchester gegründet – und in Konsequenz mit ihrer adeligen Familie gebrochen, im Unterschied zu Constance, die ihren gesellschaftlichen Einfluss und ihr Geld weiter für ihre politische Unterstützungsarbeit nutzen möchte. Denn bald sind aus ihrer Sicht zwei zentrale Fragen in Irland nicht mehr zu trennen: Die politische Frage nach der Unabhängigkeit und die soziale Frage nach der Arbeiterschaft. Und die dritte Frage, die nach der Gleichberechtigung für Frauen, ist weder bei den konservativen Politikern noch bei den meisten Sozialisten gut aufgehoben (Ausnahme: James Connolly).

Ihre politische Einstellung wird erst durch ihre Protestaktionen anlässlich des Besuchs des englischen Königs Georg V. 1911 in Dublin wirklich öffentlich: Sie verbrennt die englische Fahne, verteilt Flugblätter und rast mit einem Kutschenwagen durch die Polizeiabsperrung. Das bringt ihr ihre erste Verhaftung und Gefängnisstrafe ein und treibt den Rebellen weitere Anhänger zu. Obwohl sie sich der Gewerkschaftsbewegung anschließt und von deren Anführern Jim Larkin und James Connolly auch für die sozialistische Bewegung gewonnen wird, bleibt man der „Dame aus gutem Hause“ gegenüber distanziert – auch weil sie als Frau den Anspruch auf einen Platz in der Führungsspitze der Organisation beansprucht. Sie stellt ihr Stadthaus im Stadtteil Surrey immer wieder zur Verfügung, um Strafentlassenen und Geprügelten Hilfe zu bieten und Verfolgte zu verstecken.

Das Kriegsjahr 1914 ruft eine neue Protestwelle auf den Plan: „Wir dienen weder dem König noch dem Kaiser!“ ist an der Liberty Hall in Dublin zu lesen, angebracht von der Irish Citizen Army, wie sich der militärische Arm der Protestbewegung für ein unabhängiges Irland jetzt nennt. Constance arbeitet in der Kampagne gegen den Wehrdienst von Iren in der britischen Armee mit – dieser Krieg ist nicht Irlands Krieg. Warum sollen irische Männer für England das Kanonenfutter sein!  Sie druckt und verteilt Flugblätter und illegale Zeitungen und hält Reden. Die Realität sieht allerdings anders aus: Im Armeedienst sehen viele Arbeitslose aus Dublin eine Möglichkeit zum zuverlässigen Geldverdienen. Sehr zum Ärger der Rebellen gelingt es der britischen Kriegspropaganda, die Mehrzahl der Iren für ihre Kriegsziele und die Politik Englands einzunehmen, was dem geplanten „Home-Rule“ (relative Selbstbestimmung Irlands v.a.  in wirtschaftlichen Fragen, unter Ausnahme von Nordirland) Auftrieb geben könnte. Der Home-rule stehen aber die Sozialisten in der Unabhängigkeitsbewegung kritisch gegenüber: Sie fürchten, dass eine irische Mittelklasse die irischen Bauern und Arbeiter ausbeuten könnte – ein Streitfrage, die immer wieder hochkommt. Die von der katholischen Kirche geschürten Ängste vor den Sozialisten spielen dabei auch immer eine tragende Rolle. Gegen Ende 1914 reift in der Rebellenbewegung der Plan, einen Massenaufstand gegen die englische Bevormundung zu planen – und zwar unter zu Hilfenahme des deutschen Kriegsgegners. Constance ist an den Plänen beteiligt, aber es gibt zu viel Verwirrung in den letzten Tagen vor dem geplanten Aufstand an Ostern. Das deutsche Schiff Aud, voll geladen mit Waffen und Munition für die Rebellen, muss sich im Hafen von Cork selbst versenken, weil es von den Briten aufgebracht worden ist. Die Rebellen führen dennoch ihren Plan aus: Ausrufung der irischen Republik durch Pearse, Besetzung der Liberty Hall und Einsetzung eines Militärrates. Insgesamt sind es nur 1.200 Aufständische, verteilt in Einzelgruppen an zentralen Orten der Stadt, mit denen die britischen Truppen leichtes Spiel haben. Die Rebellen wissen, dass sie keine Chance haben, dennoch dauert der Aufstand eine ganze Woche. Constance wird im Park von Stephens Green verhaftet, wo sie 138 Aufständische befehligte. Als man sie abführt, küsst sie ihren Revolver und sagt: „Ich bin bereit.“

Sie kommt in eines der übelsten Gefängnisse in Aylesbury, England, aber sie hält durch. Nur weil sie eine Frau ist und die Krone die Hinrichtung einer weiblichen Person scheut, gehört sie nicht zu den Hingerichteten vom Mai 1916. Der Kriegseintritt der USA von 1917 zwingt England zu einer umsichtigeren Irlandpolitik, die Folge: Amnestie für die 600 Gefangenen des Osteraufstandes und Zulassung von  Sinn Fein zu den Unterhauswahlen. Sinn Fein gewinnt bei den Wahlen (incl. Frauenwahlrecht! Wie im gleichen Jahr in Deutschland) haushoch; Constance siegt in ihrem Wahlbezirk im südlichen Viertel von Dublin als erste frei gewählte irische Politikerin. Alle Gewählten treten allerdings ihren Sitz im britischen Unterhaus nicht an, weil sie dann den Treueeid auf die Krone leisten müssten. Stattdessen gründen sie den Dail Eireann, das irische Nationalparlament. Und damit ist die nächste Runde des Kampfes mit England eingeläutet….

Sie stirbt am 15. Juli 1927, ihre Schwester Eve am 30 Juni 1926.

„Frauen sollen versprechen, nicht über Politik zu reden. Heutzutage ist alles Politik. Das Geldwesen, die Wirtschaft, die Erziehung, selbst das in England so populäre Thema der Scheidung. All das hat mit Politik zu tun. Ich kann mein Geld nicht anlegen, kann keine Kleider kaufen, ohne dass Politik ins Spiel käme.“  Constance Markiewicz

Editor: Jutta Lehnert, Geistliche Leitung
◄ Zurück
 
Start
Die KSJ
Über uns
Termine
Archiv
Download
Links
 
© KSJ Trier 2008 Seitenanfang