Kontakt  l  Impressum  l  E-Mail

 
Katholische Studierende Jugend Diözese Trier

 2011 I 2010 l 2009 l 2008 l 2007

Johannesevangelium lesen nach der Auschwitzfahrt  

Diesen 8. Mai als Erinnerungstag an das Ende des Krieges 1945 begehe ich anders als sonst…

Im Zusammenhang mit den KarTagen der KSJ in Auschwitz haben wir uns auch mit den Tätern von damals befasst. Gerade in diesem Jahr ist eine Fülle an wissenschaftlichen . Untersuchungen zu den Tätern und ihren Motiven erschienen. Es ist ein riesiger Abstand von mehr als 60 Jahren zum Kriegsende – aber erst jetzt stellt man sich den unbequemsten Wahrheiten. Zum Beispiel dieser:

Dass die schlimmsten Täter in den KZs nicht die dumpfen Kriminellen waren, die als Kapos eingesetzt waren (die gab es auch), sondern studierte Köpfe, Intellektuelle wie Ärzte, hohe Verwaltungsbeamte und Professoren. Mengeles entsetzliche medizinische Experimente waren getrieben von seinem wahnsinnigen Ehrgeiz, in der sog. Rassenforschung international bekannt zu werden. Wir trafen als Zeitzeugen den 93-jährigen Wilhelm Brasse, der zwangsweise als Funktionshäftling diese Experimente fotografieren musste. Er sprach fast vier Stunden lang mit uns… Traumatisiert durch das, was er damals durch das Kameraobjektiv sehen musste, konnte er nie mehr in seinem Leben fotografieren und musste nach dem Krieg seinen Beruf aufgeben. Aber er hatte durch diese körperlich leichte Arbeit Auschwitz überlebt. Weil seine Porträts gut waren, ließen sich auch SS-Offiziere von ihm fotografieren. Er hatte einige dieser Fotos dabei, zeigte sie rund und fragte uns: „Das sind doch die Augen eines Menschen, nicht?“

Psychologische Erklärungsansätze können niemals als Entschuldigung dienen, aber weil gerade junge Leute nach Erklärungen suchen, haben wir uns mit einigen beschäftigt, von denen man persönlich und politisch einiges lernen kann.

Ein mitleidloser Mensch zu werden – diese Gefahr droht vor allem Menschen in totalen Institutionen, die vollständige Verfügung über die Person erhalten wollen. Regeln und Verhaltensweisen der Gruppe sind hier mächtiger, das Einzelwesen in seiner freien Entscheidung tritt zurück. Wenn die Gruppe sich dann bedroht sieht – sie muss es nicht sein, das kann man auch konstruieren! – dann werden die Verpflichtungsgefühle so stark, dass andere Gefühle keinen Platz mehr haben.Tritt dann eine reale Kriegssituation ein, sind Kaltblütigkeit und Gewaltexzesse vorprogrammiert. Dann wird das Töten von Menschen sogar als „Arbeit“ bezeichnet; so haben das viele Wehrmachtsangehörige nach Hause geschrieben – und damit versucht, das Ungeheuerliche vor sich selbst zu normalisieren.

 

Eine weitere gefährliche Einbindung ist die Hierarchie, also eine Position, die festlegt, was man vorgeschrieben bekommt und was man selbst anderen vorschreiben kann. Sie kann blind machen für eine andere Wahrnehmung der Realität.

Die Forschung sagt jedenfalls: „Keine Personengruppe zeigte sich immun gegen die Verlockungen der unbestraften Unmenschlichkeit.“ Die Täter und Täterinnen waren also normale Menschen wie wir.

 

Oft ist einfach nur die konkrete Situation dafür entscheidend, was ein Mensch spontan tut oder ablehnt zu tun. Das Buch „Soldaten“, das die Verhaltensweisen deutscher Soldaten im 2. Weltkrieg untersucht, beschreibt ein interessantes Experiment, das 1973 an der Universität von Princeton durchgeführt wurde:

Eine Reihe von Theologiestudenten bekam die Aufgabe, einen kurzen Vortrag über das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zu verfassen. Diesen Vortrag sollte jeder Student einzeln dann in einem jeweils anderen Gebäude der Uni halten, wo er dann für eine Radioübertragung aufgezeichnet würde. Während die Gruppe noch auf die Einzelaufforderungen wartete, platzte plötzlich jemand herein und rief: „Oh, Sie sind noch da? Sie sollten doch schon längst drüben sein! Vielleicht wartet der Assistent noch – beeilen Sie sich!“  Der betreffende Student hastete los. Im selben Moment wurde vor die Tür des aufzusuchenden Uni-Gebäudes eine scheinbar hilflose Person platziert, die sich mit geschlossenen Augen hustend und stöhnend am Boden wand. Man konnte das Gebäude nicht betreten, ohne diese Person wahrzunehmen. Wie reagierten die Seminaristen auf diese Situation? Lediglich 16 von 40 Versuchpersonen versuchten, etwas für die hilflose Person zu tun, die Übrigen liefen ohne Halt weiter zu ihrem Termin. Besonders irritierend war, dass sich in der Nachbesprechung herausstellte: Viele, die der hilflosen Person nicht geholfen hatten, hatten nicht einmal bemerkt, dass da jemand in Not war, obwohl sie praktisch über ihn gestolpert waren.

Menschen müssen erst einmal etwas wahrnehmen, bevor sie etwas tun, das ist das eine. Situationen scheinen viel entscheidender für das, was Menschen tun, als das, was sie als Ideen im Kopf haben – denn alle hatten ja das Gleichnis vom barmherzigen Samariter nicht nur gelesen, sondern für ihren Vortrag sogar durchgearbeitet!

Die 16 Studenten, die halfen, belegen aber auch, dass es nicht egal ist, wer mit welcher Persönlichkeitsausstattung mit einer Situation konfrontiert ist.

Also welche Wahrnehmungsfähigkeit, welche Deutungsmuster, welche Erfahrungen, Schwächen oder Stärken jemand hat. Und das kann man pflegen und schulen, das kann man üben, am besten praktisch. Und da kommt jetzt unser Johannesevangelium endlich ins  Spiel…Es ist das Nachtragskapitel 21.

 

Die Johannesgemeinde hat ja ihre liebe Not mit Petrus als einer zentralen Figur der ersten Gemeinden, der ein autoritärer Dickkopf gewesen zu sein scheint. Am Ende des Johannesevangeliums, in unserem Text von heute, macht sie ihren Frieden mit ihm. Aber nicht, ohne das entscheidende Kriterium zu nennen, das jemand erfüllen muss, um in der Kirche Leitung wahrnehmen zu können. Deshalb enthält dieser Text die entscheidende Bedingung, unter der sich jemand in der Nachfolge Christi, in seinen Gemeinden Gemeindeleiter, Bischof oder Papst nennen darf.

 

Petrus wird dreimal vom Auferstandenen gefragt, ob er ihn liebe. Wir übersetzen das besser mit: Bist du solidarisch mit mir? Bist du solidarischer als andere mit dem leidenden Messias, mit den Leidenden überhaupt? Können andere an dir diese Solidarität als vorbildlich ablesen?

Ist diese Haltung immer an dir zu erkennen, unabhängig von Ideologien, von sich verändernden Situationen, von Erwartungen anderer? Lässt du dich in deiner Solidarität mit den Leidenden durch nichts irritieren?

Das ist die Voraussetzung dafür, mit der Leitung beauftragt zu werden. Erst diese solidarische, durchgehaltene, liebende Beziehung zum gekreuzigten Messias, der für alle Gekreuzigten steht, ist die Grundbedingung, unter der Leitung übernommen werden darf.

Nicht, ob jemand sich in den Vordergrund schiebt, nicht, ob jemand Führungsqualitäten hat oder die Bewunderung anderer genießt: Entscheidend ist die liebende Solidarität mit den Opfern der Geschichte und die Bereitschaft, genau darin Jesus nachzufolgen. Es ist die Fähigkeit, nicht die Hierarchie, nicht die öffentliche Meinung, nicht den Mainstream zu seinem Verpflichtungshorizont werden zu lassen, sondern in der jeweiligen gesellschaftlichen, politischen oder kirchlichen Situation niemals immun zu werden gegenüber den Leidenden.

Das spricht eine deutliche Sprache über die Ämter in der Kirche, es spricht aber auch deutlich zu uns: Es ist der Auftrag, unsere Mitmenschlichkeit zu bewahren und die Abstumpfung gegen das Leid zu verhindern. Dazu gehört  ein kritischer Blick auf unsere Verpflichtungszusammenhänge und auf unsere Rollenfestlegungen. Dazu gehört der Mut zur Kritik am Zeitgeist, der sich am Montag ganz ungut zeigte in den Jubelfeiern über den ohne Prozess hingerichteten Bin Laden. Und es ist die Aufgabe, sich möglichst hierarchiefrei zu halten….Das ist nicht einfach in dieser Kirche und unserer marktförmigen Gesellschaft. Aber es ist eine unverzichtbare Vorarbeit zum Frieden. 

Gott des Lebens,

Vor 66 Jahren endete der Krieg, der von unserem Land ausging und das Entsetzlichste und Böseste in Menschen geweckt hat. Wir bitten Dich heute als Enkel und Urenkel dieser Zeit:

Lass nicht zu, dass wir auf die Vereinfachungen hereinfallen, die Politiker und Medien uns gerade in diesen Wochen nahelegen: Hier gut - dort böse, hier weiß – dort schwarz, hier Freund – dort Feind.

Lass uns kritisch bleiben gegen alle Versuche, die Rechtsstaatlichkeit zu umgehen, denn sie sind eine Bedrohung des Humanen.

Schenke uns den Mut und die praktische Fähigkeit, uns durch nichts irritieren zu lassen, wenn es um die Wahrnehmung von Leid und Unrecht geht.

Im Vergleich zu den Bemühungen um den Frieden ist Kriegführen einfach. Bewahre in uns die Beharrlichkeit, die dazu gehört, auf die mühsamen kleinen Schritte zu Verständigung und zur Versöhnung zu setzen.

Trotz schrecklicher Erfahrungen wird uns das Kriegführen immer noch als ein Mittel der Politik nahegebracht. Mach uns kritisch für die Interessen, die sich dahinter verbergen: Die Verkaufszahlen der Rüstungsindustrie, die Sucht nach Geltung und Vergeltung, die Ablehnung von Verantwortungsübernahme.

Denn Du willst, dass der Wunsch aller Kriegstoten und Opfer von Menschenverachtung und Gewalt endlich wahr wird: Nie wieder Krieg!



Mehr zu diesem Thema auf der Themenseite ►Wir sind Kirche

Editor: Jutta Lehnert
◄ Zurück
 
Start
Die KSJ
Über uns
Termine
Archiv
Download
Links
 
© KSJ Trier 2010 Seitenanfang