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Katholische Studierende Jugend Diözese Trier

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KarTage und Ostern in Auschwitz

Die Baracken, der ehemalige Appellplatz und die Ruinen der Krematorien sind umgeben von üppigem Gras, Löwenzahn und Wiesenschaumkraut zaubern daraus eine Frühlingswiese. Die Idylle rundet sich durch das sprossende zarte Grün der Ulmen und Birken am Rand des einst größten Menschenvernichtungslagers. Ist die Natur gleichgültig gegenüber dem Leid ihrer Kreaturen, dem unglaublichen Schrecken, der sich mit diesem Ort verbindet? Folgt sie blind ihren eigenen Gesetzen? Oder will sie Trost sein, Hoffnung wecken und in diesen Tagen vor Ostern an den tiefen Sinn der Auferstehung erinnern: Aus Leidempfindlichkeit heraus ein aufrechtes, solidarisches Leben zu führen? Oder ist es ihr stiller Protest gegen die Welt des Todes, in der wir uns und anderen zumuten zu leben?

Es sind die gleichen Fragen, die wir am Karsamstag an Gott stellen, am traditionellen Tag der Todesstille. Gott selbst schwieg in Auschwitz – oder sollen wir die winzigen Anzeichen verbliebener Menschlichkeit, die senfkorngroßen Versuche von Solidarität als seine allzu leise Stimme deuten?

Denn es gab sie; wir haben es im Zeitzeugengespräch mit dem ehemaligen Funktionshäftling Wilhelm Brasse gehört. Er war gezwungen („Es war eine prima Arbeit!“ sagt er – im Vergleich zur Baubrigade in den Buna-Werken oder zu den Sonderkommandos in den Krematorien), Porträt-Aufnahmen von den Häftlingen zu machen. Sie sind heute noch wesentlicher Bestandteil der Ausstellung im Museum von KL 1. Später musste er die medizinischen Experimente von Dr. Mengele und anderen SS-Ärzten fotografieren.  Ab und zu gelang es ihm, den Opfern ein Stück Brot zuzustecken oder die Phase ihrer erzwungenen Nacktheit mit einem Sichtschutz zu verkürzen, um den Jüdinnen das Schamgefühl zu erleichtern. Als gelernter polnischer Fotograf war  sein Talent so gefragt, dass sich viele SS-Männer von ihm porträtieren ließen; ein Erinnerungsfoto für die Lieben zu Hause. Diese Fotos zeigt er uns mit der Bemerkung: „Es sind doch die Augen eines Menschen, nicht?“

Durch die Kameralinse musste er so viel Unmenschliches ansehen, das sich dem normalen Verstand sperrt, dass er danach nie mehr fotografieren konnte. Immer wieder schoben sich die Fotos der misshandelten Mädchen vor seine Augen. Wilhelm Brasse erzählte uns beides: Das unfassbar Schreckliche und winzige Möglichkeiten von Hilfe und Rettung. Glück und Zufall kamen ihm zu Hilfe, sonst hätte er nicht überlebt. Er zweifelt an Gott, dennoch, das sagt er ganz offen. Andere Menschen haben in Auschwitz zu Gott gefunden; im Gebet fanden sie die Kraft, aufrecht in den Tod zu gehen. Aber die Verzweiflung überwog.

Hat der jüdische Philosoph Hans Jonas recht, der meint, Gott selber habe gar nicht eingreifen können, weil er nicht allmächtig sei? Oder muss er doch retten, aber wann und wie? Vielleicht muss Gott beides sein: Erkennbar als Mitleidender, auf dem Weg in die Gaskammer, misshandelt und gekrümmt wie alle in Auschwitz – aber auch Grund der Hoffnung auf Rettung, die niemals ganz verschwinden darf. Aber wie geht beides zusammen? Im Ruf: Wie lange noch – wann kommst Du? – Komm endlich! – mit dem unsere Bibel endet?

Ist das unser Auftrag an Ostern, den wir in der Osternacht in Erinnerung gerufen haben: Wir sind der Wahrheit verpflichtet und der konkreten Arbeit an der Hoffnung, an der Gerechtigkeit, an der Aufrichtung von Menschen? Wenn unsere „Gottesrede“ „theodizeeempfindlicher“ wird, wie J.B. Metz vorschlägt, erklingt das Osterlob weniger vollmundig, verhaltener als sonst.

Es ist richtig, an diesem Ort die Hoffnungsgeschichten der Bibel zu erzählen, auch wenn sie sich am Grauen von Auschwitz brechen.

Es war nicht einfach, sich in diesem Frühling vorzustellen, wie die Todesfabrik funktionierte: Entmenschlichung und Entwürdigung Hunderttausender Kinder, Frauen und Männer durch Selektion an der berüchtigten Rampe, Enteignung der letzten Habe, Tätowierung der Nummer, Überbelegung der Pritschen in den Baracken, Dahinvegetieren im Gestank, Zwang zu Hunger und Nacktheit, ständige Angst vor Selektionen, Hierarchisierung und Konkurrenz von Häftlingen untereinander, Mitbeteiligung an der Todesmaschine als Funktionshäftling, Auslieferung an kriminelle Kapos und ihre Schikanen, schwerste körperliche Arbeit, Wind und Wetter schutzlos ausgesetzt, nach der Vergasung und vor der Verbrennung noch die industrielle Nutzung brauchbarer Körperteile wie Haare, Goldzähne und Haut.

In angemessener Sprache, informativ und einfühlsam, brachte uns diese Einzelheiten Pjotr Zieba nahe, ein Politikwissenschaftler aus Oswiecim, der uns an zwei Tagen durch das Stammlager in Auschwitz und das Lager Birkenau begleitete. Fassungslos stehen wir in Auschwitz vor  Bergen von Haaren, Brillen, Schuhen, Koffern – und vor Kinderkleidungsstücken und Babyflaschen. Die Leiden im Stehbunker und in der Hungerzelle im Keller von Block 11, die Angst vor der Todeswand sind uns unvorstellbar. Hier opferte sich Maximilan Kolbe…hier erfroren russische Kriegsgefangene nackt im Schnee….

Und Gott schwieg…oder schrie auch er unter den Schlägen der SS?

Ganz langsam hatten wir uns dem Schicksal der Juden in Polen genähert. Ein Rundgang durch das jüdische Wohnviertel Kasimierz in Krakow ließ ihre Welt vor unseren Augen neu entstehen: Jüdische Kultur und Wissenschaft, jüdische Theologie und Lebensweise mitten im Herzen von Krakau, gefördert 600 Jahre lang seit König Kasimir von Polen. Am Ende des Tages in Krakow besichtigten wir Oskar Schindlers alte Emailfabrik (bekannt aus dem Film „Schindlers Liste“), in der seit vergangenem Jahr eine Ausstellung über die Nazi-Besatzungszeit von Krakow zu sehen ist.

Antijudaismus und Antisemitismus sind uralt, an dieser breiten Ablehnung des Judentums war auch die Kirche beteiligt. Ihre jahrhundertealte Blindheit gegenüber ihrer untrennbaren Verbundenheit mit ihren jüdischen Schwestern und Brüder durch den Juden Jesus wird uns heute immer schwerer vorstellbar. Aus diesem Grund steht bei den Gottesdiensten der KSJ immer auch die Menora, ein siebenarmiger Leuchter, neben der Osterkerze.

Am Gründonnerstag rufen wir die Befreiung durch den Exodus in Erinnerung als Ansporn für unser befreiendes Handeln heute. Brotwörter aus der Lagersprache und Brotgeschichten aus Auschwitz haben in diesem Jahr das Brot und die anderen Speisen auf unserem Tisch geheiligt. Wir sprechen den Segen auf hebräisch und deutsch, wir singen Lieder in hebräischer Sprache.

Aus Respekt vor den Juden nehmen wir am Karfreitag auf unserem Kreuzweg durch Birkenau kein Kreuz mit. Die Kreuze der Häftlinge stehen vor Augen, auch wenn der Frühling diese Eindrücke mildert. Wir stellen Kerzen auf: An der Rampe, am Wachturm, vor einer Baracke, am Eisenbahnwaggon, am gesprengten Krematorium. Hier gingen Edith Stein in den Tod  und Anne Frank…

Respekt und Einfühlungsvermögen vermissen wir gelegentlich bei einigen Touristengruppen, die sich ungeniert vor dem Stacheldraht fotografieren lassen, alle möglichen Einstellungen knipsen oder im Krematorium die erbetene Stille nicht einhalten. Ob die ständige Kamera vor Augen ein Schutzmechanismus, Gewohnheit oder Zeichen eines Mangels an emotionaler Einsicht ist, lässt sich nicht entscheiden. Klar ist jedenfalls in unserer Reflexionsrunde, dass eine gute Vor- und Nachbereitung zu einer solchen Fahrt gehört. Das Gesehene und Gehörte muss zu einem Eindruck werden, der interpretiert zu einer Stärkung der Idee von der ungeteilten Würde und Anerkennung aller Menschen beiträgt.

Theologie und biblische Texte, Gebet und Gottesdienst sind dabei nicht unverzichtbar, sie tragen aber zu einer Vertiefung dieser Vorstellung bei. Und sie festigen die Hoffnung und die Kraft zur Solidarität, sie fördern die emotionalen und kognitiven Fähigkeiten, die jeder Mensch braucht, um in jedem anderen den Bruder oder die Schwester sehen zu können.

Der Schrei nach Gott hält uns in einer Menschlichkeit, die den Blick auf das Leiden des anderen lenkt und selbst die Toten nicht aufgibt, von denen nicht einmal mehr die Asche geblieben ist. Es bleiben viele Fragen offen: Die heftigste ist die nach der Gerechtigkeit, die noch aussteht, denn die meisten Täter entzogen sich der Verantwortung, oft von gesellschaftlichen Instanzen geschützt.

Im Oktober, in den Herbstferien, findet die zweite Auschwitzfahrt statt. Weil wir einen Gast aus Ruanda dabei haben werden, wird der Akzent dieser Fahrt auf dem Thema „Völkermord“ liegen. Dabei geht es auch um die Täter, um ihre Verantwortung und um die Frage, wie aus normalen Männern Massenmörder werden können. Es gibt einige Erklärungsversuche, die Ideologisierung und die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen für Völkermord untersucht haben, aber das „Geheimnis der persönlichen Entscheidung“ ist immer noch offen.

Interessierte an dieser Fahrt wenden sich am besten an das KSJ-Büro, an Haus Wasserburg oder an das Dekanat Koblenz.



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Editor: Jutta Lehnert
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